Direkt zum Inhalt
< <

„Ich hab einen schrägen Blick auf die Welt”

Er gehört zu den Stillen im Lande und steht meistens nicht im Rampenlicht, sondern hinter der Kamera: Jetzt bereitet Bernd Telle, einer der originellsten Fotografen in Nürnberg, gleich zwei Ausstellungen vor.

„Ich habe einen ziemlich schrägen Blick auf die Wirklichkeit“, sagt Bernd Telle und schmunzelt in sich hinein. So sei er schon als Kind gewesen, eines, das mit großen Augen durch die Welt ging. Er erinnert sich, dass er im Familienurlaub früher oft alleine umher streifte und mit einem einfachen Foto-Apparat Schnappschüsse machte. Die Ergebnisse waren oft bizarr. „Bis heute versuche ich, meine eigenen Gedanken und Gefühle durch Bilder auszudrücken“, sagt Telle, der die Fotografie als Brotberuf und aus Berufung gewählt hat: „Ich bin eine Augenmensch.”
1957 in Nürnberg geboren, absolvierte er eine klassische Ausbildung als Fotograf und ist seit 1983 selbstständig. Von Anfang an arbeitete er zweigleisig: Sein Geld verdient Telle als Werbefototgraf, daneben kommt der Fotokünstler aber nicht zu kurz. In den 175 Jahren ihres Bestehens hat sich die Fotografie gewaltig verändert. Einen Teil des dramatischen Wandels hat Telle hautnah mitbekommen. Zum einen natürlich durch die digitale Revolution, zum anderen durch den Umbruch in der Nürnberger Wirtschaft.
Vielen Jahre waren die Aufnahmen für den Quelle-Katalog eine Haupteinnahmequelle für hiesige Fotografen. „Nürnberg war jahrzehntelang ein Zentrum der Gebrauchsfotografie” erläutert Telle, „doch davon ist nach dem Zusammenbruch von Firmen wie Quelle, AEG, Triumph-Adler oder Grundig so gut wie nichts mehr übrig.” Für viele freischaffende Fotografen einen Katastrophe. Auch Telle musste sich umorientieren, wechselte mehrfach das Atelier und backt nun kleinere Brötchen.

Eine Art Entmündigung
Doch auch die digitale Technik hat dazu geführt, dass Werbefotografen heute ganz anders arbeiten (müssen) als früher. „Ich empfinde das fast schon als Entmündigung. Früher konnte man Aufnahmen noch richtig inszenieren. Heute ist man nur noch Zulieferer, den Rest erledigen Grafik- und Webdesigner.“ Die Folge ist visuelle Gleichmacherei: In der schönen, digitalen Welt gibt es keine Unvollkommenheiten, keine Fehler, alles wirkt perfekt, aber irgendwie synthetisch.
Für den Fotokünstler Telle liegt darin eine große Herausforderung. „Ein schlechter Handwerker kann nie ein guter Künstler sein”, lautet sein Credo. Und: „Fotos können viel mehr als Abbilder sein.”
Seine Foto-Arbeiten, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschließen, versteht er auch als Schule des Sehens. „Man darf die Bilderflut, die täglich auf uns einströmt, nicht mit der Realität verwechseln. Die Leute sollten genauer hinschauen, was ihnen da vorgesetzt wird.” Zu seinen Vorbildern zählen deshalb nicht zufällig die amerikanischen Fotografen Jeff Wall, William Egglestone und Stephen Shore.

Wohl überlegte Effekte
Anregungen findet Telle auf Reisen in ferne Länder ebenso wie vor der Haustür. Die zwei aktuellen Ausstellung belegen das: Die Schau „Antipode” zeigt Blumen und Architektur, die buchstäblich Kopf steht. Die großformatigen Bilder, die fast wie Malerei wirken, sind in einem ehemaligen Schlachthof in Shanghai entstanden. Dass die Bilder auf dem Kopf stehen, ist ein wohl überlegter Verfremdungseffekt und weit mehr als ein Gag. Bernd Telle nimmt damit Bezug auf die alten Studio-Kameras, die alle Objekte seiten- und spiegelverkehrt zeigten.
Auch die Ausstellung „Zeitrauschen” geht auf spielerische Weise mit den Grundbedingungen der Fotografie um: Telle hat drei Monate lang mit einer digitalen Dreischuss-Kamera dokumentiert, wie sich die Nürnberger Dachlandschaft verändert. Das Ergebnis ist so verblüffend wie aufschlussreich.
Bernd Telle liebt Entdeckungsreisen mit der Kamera: „Ich sehe Sachen, die andere nicht sehen. So genannte Sehenswürdigkeiten interessieren mich nicht. Ich bin auch kein Fotoreporter, sondern fühle mich als Vermittler für ein bewussteres Wahrnehmen der Wirklichkeit.” Da Telle Sinn für Bildwitz und leise Ironie hat, ist seine Sehschule ein intelligentes Vergnügen.

(Steffen Radlmaier – Nürnberger Nachrichten, 16. September 2014)