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„Man muss Sehgewohnheiten permanent überprüfen“

Der Fotograf Bernd Telle setzt auf Bildideen

„Künstlerische Fotografie ist nicht dazu da, schöne Bilder zu machen oder Realität abzubilden, sondern sie hat immer etwas mit dem hinter der Kamera stehenden Fotografen zu tun“, so Bernd Telle, in Nürnberg wirkender Fotograf und Künstler der Metropolregion Nürnberg des Monats März. Für Telle ist daher nicht die Kamera das Entscheidende oder die mögliche einsetzbare Technik, sondern die dahinter stehende Bildidee.

„Es geht mir darum, Sehgewohnheiten permanent zu überprüfen und zwar nicht nur meine eigenen, sondern auch die der Betrachter. Wir sind heute von einer so großen Bilderflut umgeben, dass es notwendig ist, Werke herzustellen, an denen man sich reiben kann. Den Hochglanzabbildungen mit flachem Inhalt sollte etwas entgegengestellt werden, was irritiert und dadurch zum genauen Hinsehen motiviert.“

Telle ist Fotograf durch und durch, er hat Licht führen und Lampen setzen von der Pike auf gelernt.
„Die Fotografie war früher handwerklicher und es ist wichtig, sich über die historische Entwicklung auch ihrer Technik sehr bewusst zu sein. Inzwischen hat sie an Haptischem verloren, denn es gibt kein Negativ mehr, kein Papier. Wenn man aber Fotografie als Fotografie begreift, ist es nicht wichtig, ob etwas im Rechner passiert oder sonst wo. Das Wissen über die Technik brauche ich allerdings, um meine Bilder bestmöglich zu komponieren.“ So wäre das Schlimmste für Telle, ein Foto auf Leinwand zu drucken und damit einen Effekt zu nutzen, der der Fotografie nicht innewohnt. „Ähnlich wie in der Malerei gestalte ich eine Bildkomposition aus Farbflächen und Gesetzmäßigkeiten, aber ich greife dabei auf die der Fotografie gemäßen Gestaltungsmöglichkeiten zurück wie Standpunkt/Perspektive, Licht, Ausschnitt, Tagszeit, Objektiv, Farbgebung, Wahl des Vorder- und Hintergrundes. Sogar Abstraktion und Bewegung sind möglich, aber ich vermeide Effekte, die mit Fotografie nichts zu tun haben.“

Telles Sujets sind vielfältig. Das Menschenbild ist ihm ebenso wichtig wie die Architektur und hier vor allem Gebäude des öffentlichen Raums. Ganz besonders hat es ihm aber die Reisefotografie angetan. Seit Anfang der 1990er Jahre reist Telle regelmäßig fotografierend durch Städte und Länder, weil er davon überzeugt ist, dass Kunst sich dafür anbietet, Brücken zu bauen. Kunst hat eine internationale Sprache und ist ein Bindeglied. „Spannend an dem internationalen Kontakt mit Künstlern ist ja, dass man selbst etwas vermitteln, aber vor allem auch etwas mitnehmen kann. Es sind die Begegnungen mit Menschen, das Eintauchen ins Alltägliche, die solche Aufenthalte so wertvoll machen.“  Glasgow, Shenzen, San Carlos, Kuba, Shanghai, Afrika  waren Orte, an die Telle gereist ist und fotografisch festgehalten hat. Interessanterweise tauchen bei Telle aber eher selten die „Sehenswürdigkeiten“ auf. Er romantisiert nicht, aber dokumentiert auch nicht nur. Bernd Telle schafft Hingucker, oft banale Szenen, die durch die Komposition zum Bild oftmals einen poetischen, fallweise aber auch einen verstörenden Charakter haben. So fotografierte er in Zhuzhou italienisch anmutende Villen auf dem Dach einer Shopping Mall oder die Rohbauten eines Vergnügungsparks – statt schönem Schein, krude Realität, die in harschem Beton jedes Vergnügens entbehrt.

In der Architektur, und nicht nur da, stellt Telle die Dinge aber auch gerne auf den Kopf. „Die alten Fachkameras haben das Bild auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt angezeigt – man lernt als Fotograf damit umzugehen und seine Komposition entsprechend aufzubauen.“ Aber es lässt sich eben auch als Stilmittel einbauen. In der Bilderserie „Antipoden“ rätselt der Betrachter daher zunächst, was denn eigentlich nicht stimmt. Die einzelnen Bauteile sind vertraut, aber der Gesamteindruck ist seltsam. Bis die Erkenntnis folgt, dass Decke und Boden Platz getauscht haben. Hohe Auflösungen, ein spezieller Lichteinfall, die Absenz von Menschen lassen die Bilder aussehen als wären sie gemalt. Ausgedruckt in großen Formaten entsteht so die Faszination, der sich der Betrachter nur schwerlich entziehen kann. „Ich liebe das Großformat – es hat eine stärkere Behauptung und fasziniert dadurch mehr“. Das größte seiner Werke ist ein 30 m langes Waldbild im Haus 14 des Nordklinikums, das auf Aluminium gedruckt wurde. Durch die Auflösung von 60 Megapixel und den Digitaldruck wirkt es super-hyperreal.

„Schaut genau hin“ heißt es auch bei Serien wie den „Lookalikes“. Hier ließ sich Telle durch eine Maskenbildnerin in völlig verschiedene Rollen verwandeln, fotografierte sich als Chinese, Osmane, Papparazzo – nur die Augen blieben gleich. „Allein wie die Menschen das anschauen, ist interessant. Jeder sollte mal einen solchen Rollentausch vornehmen, ich kann das nur empfehlen“. In den „Parallelverschiebungen“ lichtet er Interieurs eines Freilandmuseums ab und stellt sie denen moderner Musterwohnungen  gegenüber – die Parallen sind erstaunlich. „Spiegelungen“ auf schwarzem Glas und 3-D-Bilder sind weitere Werkserien, die Sehgewohnheiten aufbrechen. „Die Fotos können zuweilen anstrengen, aber das stört nicht, denn es geht um Visualisierungen von Ideen.“

Seit 1983 ist Bernd Telle selbständig und lebt neben seiner Kust vor allem von der Werbefotografie. Das hat in der Metropolregion leider ein bisschen abgenommen – Quelle oder Triumph Adler gibt es nicht mehr. „Trotzdem hatte und habe ich immer eine große Affinität zur Stadt Nürnberg und zur Region.“ Daher engagiert sich Telle auch für die Fotoszene vor Ort.  Er war Gründungsmitglied der Fotoszene Nürnberg und ist Vorstand in der fotoszene nürnberg e.V. – forum freier fotografen. Er ist Initiator und Organisator zahlreicher spektakulärer Ausstellungen.

Februar 2015, S. Hoffmann-Rivero
Kulturamt schwabach