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> Kein Mann für flache Hochglanzbilder – Nürnberger Nachrichten

Der Nürnberger Fotograf Bernd Telle ist „Künstler des Monats“ – Vielfältige Sujets

Das Forum Kultur der Metropolregion Nürnberg hat den Fotografen Bernd Telle zum Künstler 
des Monats März gekürt.

„Künstlerische Fotografie ist nicht dazu da, schöne Bilder zu machen oder Realität abzubilden, sondern sie hat immer etwas mit dem hinter der Kamera stehenden Fotografen zu tun“, sagt Bernd Telle, der 1957 in Nürnberg geboren wurde. Nicht die Kamera sei das Entscheidende oder die mögliche einsetzbare Technik, sondern die dahinter stehende Bildidee.

„Es geht mir darum, Sehgewohnheiten permanent zu überprüfen und zwar nicht nur meine eigenen, sondern auch die der Betrachter. Wir sind heute von einer so großen Bilderflut umgeben, dass es notwendig ist, Werke herzustellen, an denen man sich reiben kann. Den Hochglanzabbildungen mit flachem Inhalt sollte etwas entgegengestellt werden, was irritiert und dadurch zum genauen Hinsehen motiviert.“

Weite Reisen
Telles Sujets sind vielfältig. Zwei Nürnberger Ausstellungen bewiesen das im letzten Herbst.
Das Menschenbild ist ihm ebenso wichtig wie die Architektur und hier vor allem Gebäude des öffentlichen Raums. Ganz besonders hat es ihm aber die Reisefotografie angetan. Seit Anfang der 1990er Jahre reist Telle regelmäßig fotografierend durch Städte und Länder, weil er davon überzeugt ist, dass Kunst sich dafür anbietet, Brücken zu bauen. „Kunst hat eine internationale Sprache und ist ein Bindeglied.“ Glasgow, Shenzhen, San Carlos, Kuba, Shanghai, Afrika waren Orte, an die Telle gereist ist und die er fotografisch festgehalten hat.
In der Architektur, und nicht nur da, stellt Telle die Dinge aber auch gerne auf den Kopf. In der Bilderserie „Antipoden“ rätselt der Betrachter daher zunächst, was denn eigentlich nicht stimmt. Die einzelnen Bauteile sind vertraut, aber der Gesamteindruck ist seltsam. Bis die Erkenntnis folgt, dass Decke und Boden den Platz getauscht haben.
„Schaut genau hin“ heißt es auch bei Serien wie den „Lookalikes“. Hier ließ sich Telle durch eine Maskenbildnerin in völlig verschiedene Rolleverwandeln, fotografierte sich als Chinese, Osmane, Papparazzo – nur die Augen blieben gleich.
In den „Parallelverschiebungen“ lichtet er Interieurs eines Freilandmuseums ab und stellt sie denen moderner Musterwohnungen gegenüber – die Parallen sind erstaunlich. „Spiegelungen“ auf schwarzem Glas und 3D-Bilder sind weitere Werkserien, die Sehgewohnheiten aufbrechen. Nicht zu übersehen ist dabei Telles Sinn für Ironie.

Einsatz für die Szene
Seit 1983 ist Bernd Telle selbständig und lebt vor allem von der Werbefotografie. Das ist  sein Brotberuf. In den letzten Jahren hat sich der Markt aber gerade in Nürnberg durch zahlreiche Firmenpleiten enorm verändert. Telle musste mehrmals mit seinem Studio umziehen, demnächst steht wieder ein Ortswechsel an.
Daneben engagiert sich Telle auch für die Kameraszene vor Ort und organisiert Ausstellungen. Er war Gründungsmitglied der Fotoszene Nürnberg und ist Vorstand im „fotoszene nürnberg e.V. – forum freier fotografen“. Das Forum hat seit einiger Zeit einen eigenen Projektraum im Galerie- und Atelierhaus Defet und bereitet derzeit die große Sommerausstellung „Mono: Ich“ vor.

STEFFEN RADLMAIER
Nürnberger Nachrichten 16/03/2015